Von Rennmäusen und Dressurkrachern

Eine Geschichte
von Vanessa Ihmels

 Es war im Frühjahr 2000 und Gustav hatte es nach harter Arbeit geschafft, uns eine herrliche Rennbahn zu zaubern.
Ich kam gerade mit Manuela von einem Ausritt zurück, als wir sahen, dass die Rennstrecken eröffnet waren. Da versuchten auch schon die ersten Reiter ihre langweilig versammelten Dressurpferde in die Gänge zu kriegen. Die Betonung liegt auf versuchten, denn keiner schaffte es, seinem Dressurcrack schneller als auf einen gut gesprungenen Mittelgalopp zu drillen. Diese Pferde kennen halt nur das Dressurviereck, wo es mal eine lange Seite etwas zügiger zugeht.

Diese Rennstrecke ließ mein wie auch Hadjanas Herz höher schlagen. Wir waren zwar schon zwei Stunden unterwegs, doch das konnte uns von diesem Spaß nicht abhalten. Da Manuela weiß, was Hadjana und ich für einen Speed entwickeln können, sagte sie gleich im Voraus: „Aber ohne mich!“ Also ritt ich allein. Und Leute, ich sag euch: Nur Fliegen ist schöner! Hadjana bekam so ein Tempo drauf, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Fast ein ganzer Kilometer Rennstrecke - traumhaft!
Man sah mich und Hadjana also öfter dort umzu donnern. Wir ernteten nur neidische Blicke von den Dressurreitern, die doch gerne einmal so viel Speed aus ihren Tieren herausholen wollten, wie ich. Ich weiß nicht mehr genau wie und warum, aber Sabine meinte eines Tages, dass ihr Pferd Fleur ja ein wahnsinniges Tempo dort entwickelte und sie glaube, ihr Dressurpferd sei schneller als meine Rennmaus. Das konnte ich aber nicht auf uns sitzen lassen und so forderte die Rennmaus das Dressurpferd zu einem Rennen heraus.
Ich glaube, Sabine war im ersten Moment geschockt, als ich sie herausforderte, aber sie war einverstanden und der nächste Tag sollte recht spannend werden. Da sie sich nicht traute, ein Kopf-an-Kopf-Rennen zu reiten, galoppierte jeder allein um die Bahn. Es fand sich  natürlich ganz leicht jemand, der die Zeit stoppte.
Wir  putzten, sattelten und trensten die Pferde und lösten sie im leichten Galopp um die Bahn. Als alle Knochen aufgewärmt waren, ging es los. Sabine, die Dressurreiterin, machte den Anfang. Rosi, die die Zeit stoppte, zählte: „Drei, Zwei, Eins, und go!“ Ihr glaubt es nicht, aber die beiden donnerten wie die Verrückten los. Sabine schrie, kreischte und feuerte ihr Pferd an, wobei sie mich eher an einen Cowboy als an eine Dressurreiterin erinnerte. Ich dachte in diesem Moment nur: „Oh Gott! Das ist nicht deine Reitlehrerin!“
Sie schaffte es in ca. 74 Sekunden, donnerte über die Ziellinie, gab eine Parade, und Fleur stand. Da dachte ich schon: „Wow, das musst du erstmal toppen!“ Vor allem diese eine Parade zum Anhalten war sensationell. Ich dachte mir schon, dass mein Anhaltemanöver etwas länger dauern würde.
Da Sabine ja fair ist, sagte sie mir, dass die eine Ecke etwas rutschig sei, wo ich das Tempo drosseln sollte. Wobei ich aber nicht mehr in der Lage war, denn Hadjana hatte das Rennfieber gepackt. Sie war nicht mehr zu halten. Drei, Zwei, Eins- und schon donnerten wir los. Sie legte so einen spektakulären Start hin, dass ich meinen Bügel verlor. Als ich diesen wiederhatte, waren wir auch schon durch die besagt gefährliche Ecke gedonnert. Und dann ließ ich sie laufen. Einfach geil, wären uns Flügel gewachsen, wären wir abgehoben.
So flogen auch wir über die Ziellinie. Ich gab eine Parade, eine Zweite, eine Dritte und ich weiß nicht, irgendwie wollte das mit dem Anhalten nicht wirklich klappen. Ich brauchte also noch mal die ganze Rennstrecke, um sie wieder zu beruhigen. Das war vielleicht peinlich, aber dafür waren wir vier Sekunden schneller. Wir hatten es also in 70 Sekunden geschafft.
Meine Rennmaus hatte es also wirklich gepackt, einen Dressurkracher hinter sich zu lassen und das passiert nicht allzu oft. Eigentlich ist es doch egal ob Rennmaus oder Dressurcrack - der Charakter des Pferdes ist entscheidend und unbezahlbar!

 

Von Vanessa Ihmels  > Foto

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